Vor kurzem war ich zu Gast im Werkstatt Gespräch bei Eva Fragstein und habe über ein Coaching-Format gesprochen, das mir sehr am Herzen liegt und auf das ich gerne in meiner eigenen, mit vielen emotionalen Höhen und Tiefen gespickten, Zeit als Gründer zurückgegriffen hätte: Peergroup Coaching. Eine Peergroup [engl. peer Ebenbürtiger, Gleichaltriger, group Gruppe] ist dabei“[…] eine […] bedeutsame Gruppe von Gleichen, denen sich ein Individuum zugehörig fühlt und an denen es sich orientiert.[1] Die Komplexität dieses Konzeptes liegt in seiner Einfachheit und so bin ich immer wieder erstaunt, gerührt und fühle mich bestätigt, dass insbesondere Gründer*innen diese Form eines sicheren Raumes für Austausch unter Gleichgesinnten, integrierendes Lernen und persönliche Entwicklung brauchen.

Über die Schattenseiten wird selten gesprochen.

Die These, das unternehmerisches Handeln unter ungewissen Bedingungen herausfordernd und belastend für Gründer*innen sein kann, unterstützt eine Studie von 2009, bei der mehr als jede(r) dritte Existenzgründer*in angab, unter Versagensängsten zu leiden[2]. Eine Studie aus den USA von Freeman et al. (2015) stellte sogar fest, dass die befragten Gründer*innen ein 50% höheres Risiko aufwiesen, an Depressionen zu erkranken und auch gefährdeter im Hinblick auf andere psychische Krankheitsbilder, wie beispielsweise Angst- oder bipolare Störungen, waren. Dies gehe letztlich auch mit einem höheren Suizid-Risiko einher (vgl. ebd.). Für Sarasvathy (2016) und Faltin (2015) setzt die Gründung eines Start-ups sowohl in professioneller Hinsicht, im Sinne fachspezifischer Kompetenzen, als auch im Hinblick auf die Gründer*innen-Persönlichkeit eine fortlaufende Lernentwicklung voraus. Negative Erlebnisse  haben dabei eine Veränderung der Einstellung und Meinung zur Folge (vgl. Wentura, 1995). Nach Kuhl (2001) kommen Menschen durch positiven Affekt ins Handeln, wodurch sie Selbstwirksamkeitserfahrungen sammeln können, welche wiederum als positiver Verstärker dienen. Dagegen kann das Erleben von negativen Affekten, z.B. durch Misserfolge oder Gedanken an potentielle Risiken, zu Hemmung in der Handlungsanbahnung bis hin zu Handlungsunfähigkeit führen. Um negative Emotionen regulieren und Handlungsfähigkeit erhalten zu können, bedarf es deshalb einer hilfreichen (Um-)Deutung dieser Negativ-Erfahrungen im Sinne einer aktiven Selbststeuerung (vgl. Ritz-Schulte, 2008, 49ff). So können die individuellen Lern- und Entwicklungserfahrungen durch erfolgreiche Selbststeuerung in das „Erfahrungswissen“ integriert werden. (Kuhl, 2001, S. 194). Für die zeitnahe Verarbeitung von hemmenden Misserfolgserfahrungen erachtet Thomann (2016, S.114) „reflexive Unterstützungsinseln“, wie beispielsweise in Form eines begleitenden Coachings, für sinnvoll.

Scheitern will verarbeitet werden.

Nach einer Studie der Universität Hohenheim, werden unternehmerische Misserfolge und Scheitern in Deutschland gesellschaftlich sanktioniert. Für Gründer*innen, die in einer suchenden und lernenden Haltung dabei sind, ein funktionierendes Geschäftsmodell noch zu entwickeln, kann dies zu Rufschädigung und Gesichtsverlust und daraus resultierend zu negativen Affekten wie Schamgefühlen bis hin zu einem traumatischen Verlust des  Selbstwerts führen (vgl. Thomann et al., 2016, S. 107). Können diese Negativ-Erfahrungen jedoch positiv umgedeutet werden, stärken sie sogar die Selbstbehauptung (vgl. ebd.). Kuckertz et al. (2015, S. 27) betonen zwar auch, dass „Scheitern nicht verharmlost oder gar schöngeredet werden darf“, weisen aber darauf hin, dass dabei „[…] dennoch das jeweilige Vorhaben immer getrennt von der jeweiligen Person betrachtet werden [sollte]“ (ebd.). Aus ihrer Sicht „[…] müssen mehr Formate geschaffen werden, die „[…] gescheiterten genauso wie erfolgreichen Unternehmern […] die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen […] zu teilen“ (ebd., S. 28).

Über diese Schlüsselkompetenz sind sich die wenigsten Gründer*innen bewusst.

Bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass, insbesondere unerfahrene Gründer*innen, sich fachlich und persönlich fortlaufend weiterentwickeln müssen, wozu es einer hilfreichen Umdeutung negativer Erfahrungen bedarf. Vor diesem Hintergrund erscheinen Gründungsberatungsangebote, die an im Lernprozess befindliche Gründer*innen ähnliche Maßstäbe wie an klassische (erfahrene) Manager ansetzen, nicht sinnvoll. Die persönlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Lernentwicklung liegen hierfür in der Fähigkeit der Gründer*innen, auf selbstbestimmte und kreative Art und Weise mit unvorhergesehenen Ereignissen und negativen Erfahrungen umzugehen, was wiederum eine (hohe) Bereitschaft zur Selbstentwicklung erfordert. Diese vollzieht sich im Speziellen durch Umdeutung (vgl. Wentura, 1995) im Zuge einer gelingenden Selbststeuerung (vgl. Kuhl, 2001).

Dieser Lernprozess ist dabei geringstenfalls zweigestaltet. Erfahrungen müssen aus professioneller Sicht dynamisch und in kleinschrittig sich wiederholenden Prozessen ausgewertet und integriert werden (vgl. Blank & Dorf, 2014, 44ff). Die persönliche Voraussetzung hierfür liegt in der Fähigkeit, selbstbestimmt und kreativ mit Überraschungen umzugehen bzw. Enttäuschungen zu verkraften, was die Bereitschaft zur Selbstentwicklung erfordert. Diese vollzieht sich im Speziellen zum Beispiel durch Umdeutung (vgl. Wentura, 1995; vgl. Martens & Kuhl, 2005, S. 117 ff) und im Allgemeinen durch eine erfolgreiche Selbststeuerung (vgl. Kuhl, 2001).

Warum Coaching in einer Peergroup wertvoll ist.

Coaching“ wird als Begrifflichkeit immer noch sehr unterschiedlich verwendet (Schreyögg, 2012, S.19). Greif (2008, S. 55) definiert Coaching dabei als eine besondere Form der Beratung. Einigen Definitionsansätzen gemeinsam, ist die Anwendungsfokussierung von Coaching auf unternehmerische Kontexte. So benennt RauenFührungskräfte, Manager und Personen mit hochverantwortlichen Aufgaben“ (2014, S.4) als Kernzielgruppe von Coaching. Darunter lassen sich im weitesten Sinne auch Gründer*innen subsumieren. Die Gestaltung eines Lernraumes im Gruppenkontext, im Gegensatz zu Einzelcoaching, lässt sich mit den von Gahleitner et al. (2013, S. 199) beschrieben Synergieeffekten begründen. Demnach kann der Austausch unterschiedlicher Erfahrungswerte zwischen den Teilnehmer*innen für jede(n) Einzelne(n) zur individuellen Lösungsfindung beitragen (vgl. ebd.). Die individuelle Reflexion im Rahmen einer Gruppe ermöglicht es, dass die/der Coachee „[…]spontan über bisher nicht thematisierte Aspekte seines Selbstkonzeptes in Beziehung zur Gruppe nachdenkt und überlegt, wie er es ändern kann…“ (Greif, 2008, S. 103). Dadurch kann das implizierte Erfahrungswissen aktiviert werden und die individuelle Perspektive erweitert sich (vgl. ebd., S.105). In die gleiche Richtung, aber spezifisch für den Kontext von Unternehmensgründung, tendieren auch die Vorschläge von Kuckertz et al. (2015, S.28), die einen verstärkten Erfahrungsaustausch von Gründer*innen für wünschenswert halten.

Peergroup Coaching stellt Gründer*innen somit einen sicheren Rahmen zur Verfügung, um genau die Vielfalt an Lernerfahrungen, die eine Unternehmensgründung mit sich bringt, erfolgreich zu integrieren und sorgt damit sowohl für eine notwendige psychische Entlastung, als auch die erforderliche persönliche Weiterentwicklung. Als Format haben sich hierfür unsere Coaching Circles in unterschiedlichen Kontexten bewährt – weitere Infos dazu gibt’s hier.

 

Quellen:

[1] Dorsch – Lexikon der Psychologie: https://portal.hogrefe.com/dorsch/peergroup. Letzter Zugriff am 05.03.2020.

[2] Statista: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/159926/umfrage/versagensaengste-von-existenzgruendern-fuehrender- wirtschaftsnationen. Letzter Zugriff am 05.03.2020.

Blank, S., & Dorf, B. (2014): Das Handbuch für Startups. Köln: O’Reilly Verlag.

Faltin, G. (2015): Wir sind das Kapital. Hamburg: Murmann.

Freeman, M., (2015): Are Entrepreneurs “Touched with Fire”? Abgerufen am 05.03.2020 von: http://www.michaelafreemanmd.com/Research_files/Are%20Entrepreneurs%20Touched%20with%20Fire%20(pre-pub%20n)%204-17-15.pdf.

Gahleitner, B., Maurer, I., & Oja Ploil, E. (2013): Personenzentriert beraten: alles Rogers? Weinheim: Beltz Verlagsgruppe.

Greif, S. (2008): Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion. Theorie, Forschung und Praxis des Einzel- und Gruppencoachings. Göttingen: Hogrefe.

Kuckertz, A., Mandl, C.; Allmendinger, M. (2015): Gute Fehler, schlechte Fehler – wie tolerant ist Deutschland im Umgang mit gescheiterten Unternehmern? Stuttgart: Universität Hohenheim. Abgerufen am 05.03.2020 unter https://www.uni-hohenheim.de/uploads/media/2015_Kuckertz_et_al_Gute_Fehler_15-08-24.pdf.

Kuhl, J. (2001): Motivation und Persönlichkeit. Göttingen: Hogrefe.

Martens, J. U., & Kuhl, J. (2005). Die Kunst der Selbstmotivierung. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

Rauen, C. (2014): Coaching. 3.überarbeitete und erweiterte Auflage. Göttingen: Hogrefe.

Ritz-Schulte, G. (2008): Persönlichkeitsorientierte Psychotherapie. Göttingen: Hogrefe.

Sarasvathy, S. (2016). Effectual Entrepreneurship. Routledge.

Schreyögg, A. (2012): Coaching. Eine Einführung für Praxis und Ausbildung. 7., komplett überarbeitete und erweiterte Auflage. Frankfurt a. M.: Campus.

Thomann, G., Wehner, T., & Clases, C. (2016): Scheitern in der Führung – Eine Option? In S. Kunert, Failure Management (S. 95 – 118). Berlin: Springer.

Wentura, D. (1995): Verfügbarkeit entlastender Kognitionen. Weinheim: Beltz.

 

 

 

 

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